Insolvenzrecht Restrukturierung und Sanierung

Ist ein Startup insolvent, muss das nicht automatisch in einer Abwicklung enden

Große Ambitionen und eine besondere Gründeridee – so starten viele Startups ihre Firmengeschichte. Manche finden sich aber finanziell gesehen schnell auf dem harten Boden der Tatsachen wieder. Im Interview erläutert Stefan Ludwig, was Geschäftsführer von Startups in einem solchen Fall machen können.

 

Herr Ludwig, Startups sind von ihren Finanzierern weitaus stärker abhängig als ältere Unternehmen. Was bedeutet das für die Geschäftsführer?

Ludwig: Als junge Unternehmen haben Startups häufig nur geringe oder sogar überhaupt keine Liquiditätspolster, wenn sie in eine finanzielle Schieflage geraten. Dieses mangelnde Eigenkapital kann bei jeder negativ verlaufenden Finanzierungsrunde kurzfristig dazu führen, dass ein Startup insolvent wird, weil es seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen kann. Vor diesem Hintergrund sollten sich Geschäftsführer frühzeitig mit den möglichen Konsequenzen und dem Ablauf einer Insolvenz befassen und dabei die rechtlichen Fristen im Blick haben – auch, um sich vor einer persönlichen Haftung zu schützen.

 

Welche Fristen sind relevant?

Ludwig: Wenn die Zahlungsunfähigkeit bereits eingetreten ist, hat ein Geschäftsführer drei Wochen, um diese zu beseitigen. Bei einer Überschuldung räumt der Gesetzgeber dafür sechs Wochen ein. Es ist wichtig, dass die Geschäftsführer die ihnen zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll nutzen: Sie sollten überprüfen, ob sich die Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit mit den vorhandenen Instrumenten abwenden lässt und dafür alles Notwendige in die Wege leiten. Ergibt ihre Analyse, dass dies nicht mehr möglich ist, bleibt nur eine Möglichkeit: der Insolvenzantrag.

 

Welche Möglichkeiten gibt es, ein Startup im Rahmen einer Insolvenz zu sanieren?

Ludwig: Die wichtigste Botschaft für Geschäftsführer von Startups ist, dass die Story ihres Unternehmens bei einer Insolvenz nicht automatisch in einer Abwicklung endet. Vielmehr gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Unternehmen auch im Rahmen einer Insolvenz zu sanieren. Da ist zum einen die sogenannte übertragenden Sanierung. Dabei werden die wesentlichen materiellen und immateriellen Vermögenswerte des insolventen Startups auf eine neue schuldenfreie Auffanggesellschaft – ein neues Unternehmen – übertragen.

 

Was bedeutet das für das Startup?

Ludwig: Die Auffanggesellschaft erwirbt vom Insolvenzverwalter des Startups alle Vermögenswerte, während die Verbindlichkeiten bei der alten Gesellschaft verbleiben. Mit dem für die Vermögenswerte erzielten Kaufpreis werden die Gläubiger des Startups befriedigt. Der große Vorteil an der übertragenden Sanierung ist, dass das Startup, seine Geschäftsidee und sein Vorhaben damit in einer neuen Gesellschaft weitergeführt und finanziell neu starten kann. Das Startup lebt somit weiter.

 

Sie haben bereits mehrere Startups durch Krisensituationen begleitet. Gibt es ein Beispiel für eine gelungene Sanierung?

Ludwig: Ein gutes Beispiel für den Neustart eines Startups ist Horizn Studios aus Berlin. Der Verkauf von Reisegepäck war Investoren im Zuge der Corona-Pandemie zu unsicher – die Finanzierungsrunde scheiterte und ein Insolvenzantrag wurde notwendig. Im Zuge der Sanierung fanden sich neue Investoren, die zusammen mit den Horizn-Gründern eine neue Gesellschaft gründete und die Vermögenswerte der alten Horizn Studios kaufte. Der Neustart ist geglückt, und Horizn Studios kann weiter sein Ziel verfolgen, Vorreiter im Bereich des nachhaltigen Reisens zu werden.

 

Welche weiteren Sanierungsinstrumente gibt es?

Ludwig: Die Alternative zur übertragenden Sanierung ist der Insolvenzplan. Mit diesem Instrument saniert sich das Unternehmen quasi aus sich selbst heraus. Im laufenden Insolvenzverfahren verhandelt die Geschäftsleitung unter Beteiligung des Insolvenzverwalters mit dem Insolvenzplan einen Vergleich mit den Gläubigern, der meist einen Teilverzicht vorsieht – mitunter unter Einbindung von Drittmitteln. Der Vorteil: Beim Insolvenzplan bleibt die Gesellschaft erhalten und auch die Gesellschaftsanteile des Startups bleiben potentiell werthaltig. Dass sie so von einer Sanierung mit Insolvenzplan ebenfalls profitieren ist wiederum grundsätzlich ein Anreiz für die Gesellschafter, dieses Verfahren anzugehen und zu unterstützen.

 

Das klingt so, als ob der Insolvenzplan die bessere Alternative wäre?

Ludwig: Das passende Sanierungsinstrument sollte für jedes Startup immer individuell geprüft werden. So gibt es seit Januar 2021 zum Beispiel auch die Möglichkeit einer vorinsolvenzlichen Restrukturierung. Mit dem Blick auf den Insolvenzplan ist es so, dass die meisten Start-ups nicht die Liquidität haben, um einen normalen Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten zu können, bis der Plan ausverhandelt ist. Deshalb ist für die meisten Startups in der Praxis eher die übertragende Sanierung das Sanierungsinstrument der ersten Wahl. Fakt ist jedoch: Eine Krise nach der Firmengründung muss jedenfalls nicht das Ende eines Startups sein.

 

Der Interviewpartner: Stefan Ludwig ist Fachanwalt für Insolvenzrecht bei Schultze & Braun und leitet die Berliner Niederlassung der Kanzlei. Er hat bereits mehrere Startups durch Krisensituationen begleitet.

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